Betriebsarzt Dr. Bieberbach & Kollegen GbR

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Kurzgeschichten

Aus: „Kleine Sünden straft der Liebe Gott sofort“ und andere Anekdoten, 1999

CORRECTA CLEAN

Ich setze inzwischen als allgemein bekannt voraus, daß ich ein meist sehr glücklicher und zufriedener Vater einer rasch heranwachsenden Tochter namens ISA bin. In dieser zurecht als Jahrhundertsommer bezeichneten warmen Jahreszeit Anno 1992 sieht Isa mit Freude Ihrem dritten Geburtstag entgegen. Anders ausgedrückt: sie ist 2 3/4 .

Wenn mich ältere Patienten fragen, wie es ihr geht und wie alt sie denn jetzt schon ist ( dabei handelt es sich um eine der häufigst gestellten Fragen, die Patienten an mich richten, genaugesagt ist es die zweithäufigste Frage nach “ Und wann machen Sie Urlaub, Herr Doktor?“, weitaus häufiger als z.B. “ Und wie war jetzt mein Blutdruck?“) wenn mich also die meist älteren Patienten nach ihr fragen, wird meine diesbezügliche Antwort meist mit den Worten „Ein NIIIIEDLICHES ALTER!“ quittiert.
Das kann man so sehen, auch wenn es gelegentlich zu Vorkommnissen kommt,die Zweifel an dieser Einschätzung aufkommen lassen.
Wir freuen uns, eine so aufgeweckte Tochter in die Welt gesetzt zu haben, die immer und überall Neues zu erkunden trachtet , schnell Neues lernt und das Gelernte auch selbst in Taten umsetzt.

Letzte Woche in Braunlage hat sie z.B. -gestützt durch ihre aufblasbaren Armpolster – gelernt, ganz allein zu schwimmen. Nun gut, das Ganze sieht noch sehr nach einem gerade knapp dem Ertrinken entrinnenden Zwergpudel aus, aber sie schwimmt.

Kaum hatte sie das gelernt, wollte sie schon die ganze um sie herumschwimmende Familie (Vater, Mutter, Oma, Opa) aus dem Bassin haben („Wegschwimmen, Isa alleine !“).
Sie ist also schon recht selbstständig, leider auch in den Dingen, die sie noch nicht so ganz perfekt beherrscht. Vorige Woche, ich glaube, es war ein Mittwoch und ich hatte frei, war mittags Helga zu Besuch gekommen. Isa war nach dem Essen mit ihrer Milchflasche problemlos ins Bett gebracht worden und wir saßen bei einer Tasse Kaffe auf der Terrasse. Warum auch nicht, das Kind schlief ja lieb in seinem Bettchen.

Dachten wir.

Ich sah das Unheil als Erster. Eigentlich wollte ich nur mein Auge gefällig über meinen frisch gemähten Rasen streichen lassen, als ich einer lautlos aufgetauchten Gestalt gewahr wurde, die in der Terrassentür der Küche stand. Die Erscheinung war etwa einen Meter hoch gewachsen und von undefinierbarer Oberflächeneigenschaft. Ziemlich weisslich-cremig. Carmen erkannte an meiner sprachlosen Verblüffung, daß etwas hinter ihr zu sehen sein musste und drehte sich um. Unmittelbar anschliessend war sie trotz kräftiger schwangerschaftsbedingter Leibesfülle wie von der Tarantel gestochen auf den Beinen. Das Mondwesen entpuppte sich bei näherem Hinsehen als unsere Tochter Isa, flächendeckend mit einen Kiloeimer PENATEN-CREME bestrichen, wirklich von Kopf bis Fuß.

Weitere Nachforschungen ergaben, das sich der Inhalt der Klinikpackung Penatencreme, die wir aus Kostengründen gekauft hatten, in durchaus logischer Reihenfolge in folgenden Räumen verteilt hatte : Kinderzimmer / Regal – Kinderzimmer/Tür einschliesslich benachbarter Wände -Flur oben- Badezimmer- Treppe nach unten- Türklinke Wohnzimmer ( hatte sie nur kurz reingeschaut, ob wir dort waren)- Flur unten- Küche- Terrassentür.
Erste Bürgerpflicht war die Reinigung des hoffnungsvollen Nachwuchses, was sich schon als schwieriges Unterfangen herausstellte. Die Creme von der Haut abzuwischen war ja noch einigermaßen einfach, auch wenn diese Prozedur von deutlichem Protestgeheul der Verursacherin begleitet war, schliesslich hatte das Kind es ja gelernt, daß es wichtig für einen zarten Teint ist, sich immer schön einzucremen. Nur die Mengen waren ihr etwas durcheinandergekommen.
Sehr viel aufwendiger war die Haarwäsche, auch nach 4x Shampoo sah das was Isa oberhalb des Skalps trägt noch immer nicht nach einer Frisur aus.
Zweite Bürgerpflicht war die Wiederherstellung eines akzeptablen Ambientes im Haus.

Intensive Reinigungsversuche mit hausüblichen Mitteln ergaben brauchbare Resultate auf allen glatten Flächen, weniger überzeugende Ergebnisse im Bereich Rauhfasertapete Kinderzimmer und völlig indiskutable Erfolge in Bezug auf die Teppichböden.
Zufällig war gerade einen Tag vorher ein Angebot einer Teppichreinigungsfirma eingegangen, deren Name ( Correcta Clean) viel Gutes verhies. Wat dem einen sin Uhl ist dem annern sin Nachtigall sagt man hier in der Gegend. Unsere Eule waren in diesem Fall große Restflecken der ach so hautpflegenden Creme, die wir leider nicht ohne fremde Hilfe beseitigen konnten.

Aber die Firma freute sich über einen lukrativen Auftrag und schickte nach einigen Tagen eine Fachkraft vorbei, die es tatsächlich schaffte, den Status Ante fast wieder herzustellen.
Isa hat einige Stunden mit einem nicht unwesentlich transpirierenden Herrn im Kinderzimmer zugebracht und seine Bemühungen mit nicht endenwollenden Fragen danach, was denn der Onkel da mache unterstützt.
Ich habe den Eindruck, die Firma wird zukünftig bei Penatencremeflecken einen 100%-igen Erschwerniszuschlag berechnen.


PIA SCHLÄFT

„So“ sagte meine geliebte Gattin, Mutter meiner beiden Töchter und Trost meiner spärlichen Freizeit, “ Pia schläft jetzt mindestens zwei Stunden“.
Pia ist unsere neueste Errungenschaft, heißt eigentlich genau Pia-Marie und wurde vor drei Wochen per Kaiserschnitt auf die Welt gebracht.

Heute ist ein vergleichsweise ruhiger Samstag, nicht zuletzt dank der Tatsache, dass Isa seit vorgestern für zwei Tage bei der Oma auf dem Lande ist.  So konnte ich vorhin in Ruhe meinen Rasen mähen und einige auf dem Schreibtisch liegengebliebene Formulare ausfüllen. Carmen hatte sich zwei Stunden lang bemüht, Pia satt zu bekommen ( Das Kind wird mal sehr vornehm, jedenfalls nippt es schon jetzt nur ein wenig an den angebotenen Getränken, was das Füttern zu einer recht zeitraubenden Beschäftigung macht), hatte dann endlich 60 Milliliter Milch in sie abgefüllt, brav eine halbe Stunde Bäuerchen gemacht, Pia dann in die Wiege gelegt und nochmal eine halbe Stunde Lieder gesungen, bis das Kind endlich eingeschlafen war. Nach menschlichem Ermessen waren jetzt zwei Stunden Ruhe und Frieden im Haus angesagt.

Da es inzwischen elf Uhr geworden war, mussten die Einkäufe für das Wochenende erledigt werden, außerdem wollte meine bessere Hälfte “ nur mal kurz beim Frisör hereinschauen“ um einige Spitzen schneiden zu lassen.

Warum auch nicht? Pia schlief und Vatern freute sich schon darauf, endlich einmal in Ruhe Zeitung lesen zu können, während ich den Schlaf meines Töchterchens bewachte. Carmen hauchte mir zum Abschied ein Bussi auf die Wange und entschwebte Richtung Supermarkt und Frisör.

Ich glaube, sie war noch nicht ganz vom Hof gefahren, jedenfalls konnte ich ihr Auto noch hören, als sich meine Zweitgeborene zunächst  PIANO, dann schnell FORTISSIMO zu Gehör brachte. Ruhig und abgeklärt, wie ein moderner Vater heute ist, schritt ich zur Wiege und versuchte STUFE EINS : leises Schunkeln der Wiege.
Der Erfolg, wenn man ihn denn als solchen bezeichnen möchte, war nur von sehr kurzer Dauer, das Kind brüllte schnell wieder wie am Spiess.

In solchen Fällen greife ich zur STUFE ZWEI : Der Nachwuchs wird in eine flauschige Decke gehüllt auf den Arm genommen und sanft wiegend durch das Wohnzimmer getragen. Diese Maßnahme führte zu einer vorübergehenden Entspannung der Lage, jedenfalls musste ich nicht mehr befürchten, dass Passanten durch die geschlossenen Fenster hindurch auf mein Töchterchen aufmerksam werden würden ( So ein schreiendes Kind vermittelt einigen Passanten sicher den Eindruck, in diesem Hause würden Kinder auf das grausamste misshandelt, das muss ja nicht sein).

Gerade wollte ich sie ins Körbchen zurücklegen, als das Kind sich aufbäumt, krebsrot im Gesicht wird und lauter denn je zu schreien beginnt. Ich behalte die CONTENANCE und gehe mit ihr in die Küche . STUFE DREI ist erforderlich. Das Kind hat sicher Hunger, weil sie vorhin nur so wenig getrunken hat, denke ich mir.

Es zeigt sich, dass leider kein ausgekochtes Fläschchen mehr da ist, also muss ich erst eines auswaschen, Wasser heiß machen und das Ding sterilisieren. Wenn man das nicht macht, sterben die lieben Kleinen wie die Fliegen, jedenfalls in Deutschland ist das so, in Frankreich hat das wie ich höre noch nie jemand gemacht. Wie dem auch sei. Carmen will das so, also mache ich es, um nicht hinterher die Schuld zu bekommen, wenn das Kind krank wird.

Pia brüllt jetzt, dass sie fast zu ersticken scheint, sie ist auch schon ganz blau im Gesicht. Das vermindert meine Aufmerksamkeit etwas. Als ich das Fläschchen aus dem kochenden Wasser hole, verbrenne ich mir ziemlich die Pfoten. Schließlich ist die Milch angerührt, richtig temperiert, sodass der Lösung des überlauten Problems nichts mehr im Wege steht. 

Denke ich. 

Leider habe ich wieder mal die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn mein entzückendes kleines Töchterchen denkt nicht im Traum daran, auch nur einen Tropfen zu trinken. Im Gegenteil, sie wird jetzt richtig ärgerlich und zeigt mir eindrucksvoll, daß sie noch ein Schüppchen Dezibel drauflegen kann.

Gefahr ist im Verzug, STUFE VIER ist angesagt: Vorsichtige Bauchmassage soll nun den vermeintlich quersitzenden Pups lösen und dem Kind und seinem gestressten Vater die Seelenruhe wiedergeben. Der Erfolg ist mäßig, kurz lässt sich das Kind das gefallen, um dann wieder die Arie vom unverstandenen Säugling in C-Dur zu singen. Fortissimo, versteht sich.
Wie war noch die Telefonnummer dieses Frisörs, den meine Herzallerliebste immer aufsucht?

?-Ich denke den Gedanken rasch zu Ende. Man stelle sich vor:

 “ Hier Frisör sowieso“

„Guten Tag, Bieberbach, kann ich bitte meine Frau sprechen ?“

„Leider, Herr Doktor, Ihre Frau ist gerade unter der Haube, kann ich etwas ausrichten?“

“ Sagen sie ihr, sie soll sofort nach Hause kommen, unsere Tochter schreit“

“ Gern, Herr Doktor !“

( legt auf und brüllt mit voller Kehle durch den mit Patienten vollbesetzten Salon :“ Frau Bieberbach, Ihr Mann wird mit ihrem Töchterchen nicht fertig, sie möchten SOFORT nach Hause kommen!“
Diese Blamage, nicht einmal ein Stündchen an einem ruhigen Wochenende mit einem kleinen Säugling fertig zu werden  will ich keinem gönnen.

Als letzter Ausweg fällt mir noch STUFE FÜNF ein: Vielleicht ist die Windel naß?

Natürlich ! Das ist es!
Also schnell ins Kinderzimmer mit dem Balg und die Windel gewechselt. Es findet sich ein Hauch von Feuchtigkeit darin, ich bete inständig, dass dies der Grund für die lautstarke Missfallenskundgebung meiner Tochter sei.Irgendwie scheine ich auf dem richtigen Weg, jedenfalls beruhigt sich das Kind beim Wickeln wieder.

Frisch verpackt lege ich dann mein liebes Töchterchen in seine kleine Wiege, auf das es nun schön lieb schlafe.

Kaum habe ich mich umgedreht, geht das Konzert von vorne los. Auch gutes Zureden nutzt nichts. Allerdings mischen sich jetzt andere Töne als zuvor darunter, mehr so ein

EEH-EEH statt des BÄÄÄÄÄH-BÄÄÄÄÄHs von vorher.

Ich fasse es nicht. Ein wohlbekannter Geruch schleicht sich an meine Nase: Wir haben soeben in die frische, warme, trockene Windel gebrettert. Das Schreien verstummt, das Kind scheint mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Ich füge mich in mein Schicksal, putze den kleinen Popo sauber, wickele meine Tochter noch einmal neu und lege sie in die Wiege zuück.

Ist sie nicht niedlich anzusehen, wie sie da ruhig liegt und sofort friedlich eingeschlummert ist ? 

Ach, gerade kommt meine Frau zurück. Sie will wissen, ob mir ihre neue Frisur gefällt.

 

KLEINE SÜNDEN…

Sommer 1992 :

Es war eines unserer üblichen Wochenenden gewesen :

Statt faul im Garten zu liegen und sich durch süsses Nichtstun zu erholen hatten wir unserer üblichen Neigung nachgegeben, sogenannten Verpflichtungen nachzukommen.
Sonntag Vormittag ( der Sonntag beginnt bei uns so gegen 6 Uhr früh mit Isas unmißverständ-
lichen Schrei
KAKAO !!!) war wie jeden Tag nicht ans Ausschlafen zu denken.

Nachdem Isa ihr Frühgetränk mit dem um diese Zeit für sie üblichen Grant huldvoll entgegengenommen hatte, war ich wach. Wenn ich erst einmal wach bin, ist an eine Wiederaufnahme der vorangegangenen Beschäftigung ( hier: Tiefschlaf) nicht zu denken, also bin ich gleich aufgestanden , habe mir meinen Tee gekocht und bin ins Arbeitszimmer gegangen, um einige Rechnungen für die Praxis zu überweisen und einige liegengebliebene Gutachten zu schreiben.

So gegen Acht ist dann der Rest der Familie wach gewesen ( gemeinerweise kann Isa meist problemlos mit dem Kakao im Bauch wieder einschlafen) . Ein Blick in den Garten zeigte, daß der Rasen dringend einer intensiven Maniküre bedürfe und das Unkraut mal wieder sehr viel vitaler wuchs als das, was wir an Blumen etc. mit großer Mühe angepflanzt hatten.

Also wurde erst mal zwei Stunden Gartenarbeit verrichtet.
Wir haben auf unserem Grundstück eine alte Weißdornhecke. Weißdorn- wie der Name schon sagt- gehört zu den Dornensträuchern. Ich hatte gerade den veritablen Stammvater einer ganzen Generation von Brennesselpflanzen mit Mühe und auf allen Vieren kriechend aus seinem Versteck mitten in einem Weißdornbusch gerodet und überlegte, was mit der Pflanze in meiner Hand zu tun sei. Da gerade niemand zu sehen war, entschied ich mich für die schnellstmögliche Entsorgungsmöglichkeit:

Mit Schwung über den Zaun zum Nachbarn . ( Den Nachbarn mögen wir nach gewissen Auseinandersetzungen nicht gerade gern, da tut es manchmal gut, wenn man eine über und über mit ausgereiften Samen besetzte Brennessel über den Zaun wirft. Man kann sich dann so genüsslich ausmalen, wie viel Mühe es ihm machen wird, im nächsten Jahr der Brennesselplage Herr zu werden).

Gott sieht alles. So auch diese kleine Gemeinheit meinerseits. Jedenfalls hat er meine Hand so gelenkt, daß in der Sekunde, in der die Nessel über den Zaun flog, sich ein dicker Dorn des Weißdornbusches genau über dem Mittelgelenk in meinen rechten Zeigefinger bohrte.

Ich habe die Strafe mit Demut angenommen, den Dorn mit den Zähnen rausgezogen und die Sache zunächst vergessen.
Den Sonntag Nachmittag verbrachten wir dann ( es war der heißeste Tag des Jahres, so um die 33 Grad Celsius, dabei angenehm drückend schwül) im Wohnzimmer von Freunden anlässlich des zweiten Geburtstags von Carmens Patenkind beim Kaffeetrinken mit einer Blase von stark nach 4711 duftenden Omas. Carmen war der Meinung, wir seien eingeladen, ausserdem sei es schliesslich ihr Patenkind, also wurde nichts aus dem von mir alternativ empfohlenen Ausflug ins nächste Freibad. Übliche Verpflichtungen eben, denen man sich einfach nicht entziehen kann.

Bakterien und Brennesselsamen haben gemeinsam, daß man sie im Allgemeinen erst bemerkt, wenn sie sich kräftig vermehrt haben und fröhlich wachsen.
Ich habe keine Ahnung, was aus der Gründüngung geworden ist, die ich dem Nachbarn so uneigennützig und kostenlos zur Verfügung gestellt habe.Was aus den unvermeidlichen Mikroben wurde, die auf dem Dorn gesessen haben, konnte ich am Montag früh so gegen 3 Uhr Nachts ganz genau feststellen: Mein Fingergelenk riß mich just um diese Zeit sehr unsanft aus dem Schlaf. Es war auf dreifachen Umfang angeschwollen, heiß, pochte im Dreivierteltakt und schmerzte höllisch.
Manchmal bewundere ich meine Weitsicht, eine Krankenschwester geheiratet zu haben.

Meine Frau ( wie Kishon sagen würde : die Beste von Allen) war sofort ganz in ihrem Element, brachte mir einen kühlenden Eisumschlag und suchte mir aus dem Wust von Pillen in unserer Hausapotheke das lebensrettende Penicillin, daß sie mir sofort in hoher Dosierung einflösste.
Diese Maßnahmen brachten dem geschundenen Finger sofort eine gewisse Linderung und haben im Endeffekt sogar die Heilung nach einigen Tagen bewirkt.

Wie im Beipackzettel angedroht, kam es allerdings zu einigen “ im Allgemeinen leichten Nebenwirkungen, die nach Absetzen des Medikamentes rasch wieder abklingen“….
Punkt sechs begann der Durchfall, der sich freundlicherweise vorher durch heftige Darmkrämpfe ankündigte, sodaß ich – vorgewarnt- rechtzeitig das gewisse Örtchen aufsuchen konnte.
Am Montag war ich wie immer pünktlich um halb acht in der Praxis zur Sprechstunde.
Mein Zeigefinger war dick geschwollen, schmerzte höllisch, der Darm rebellierte abwechselnd mittels Krämpfen und imperativem Stuhldrang. Ich hatte in der vorangegangenen Nacht knapp 4 Stunden geschlafen und fühlte mich insgesamt “ den Umständen entsprechend“.
Am nächsten Tag hörte ich, wie eine meiner Mitarbeiterinnen ( ja, ja : auch alle die Besten von Allen) zu ihrer Kollegin sagte “ hoffentlich hat der Chef heute bessere Laune als gestern“.
Ich ging in mich, liess den Sonntag noch einmal vor meinem inneren Auge Revue passieren und erinnerte mich an den alten Lieblingsspruch meiner Mutter:

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.

 

WAS IST GLÜCK ?

Haben Sie schon mal so richtig Glück gehabt im Leben ? Meine Einstellung dazu ist allgemein bekannt : Man hat kein Glück, sondern man erntet – zumindest meistens- allenfalls die Früchte harter, zielgerichteter Arbeit. Echtes Glück ist so selten wie ein vierblättriges Kleeblatt zu finden. ( Wenn man nicht in ein Blumengeschäft geht, die haben fast alle vierblättrige Kleeblätter aus spezieller Züchtung, aber das ist eigentlich Betrug).

Man kann natürlich versuchen, das Glück herauszufordern, viele tun es jeden Tag- im Allgemeinen aber wohl nicht mit großem Erfolg- das Glück kommt unverhofft, ungeplant, sehr überraschend und leider sehr, sehr selten.
Es ist schon eine ganze Reihe von Jahren her, es dürfte 1980 gewesen sein, als ich als Student in München Besuch von meinem Schulfreund Ludwig Böckel bekam.
Ludwig war damals Informatikstudent und schon aus beruflichen Gründen an Allem interessiert was mit Zahlen, Wahrscheinlichkeiten usw. zu tun hat.
Was lag näher, als gemeinsam mal ein Casino aufzusuchen ?

München ist zwar eine Weltstadt, hat aber im Gegensatz zu solch imposanten Metro- polen wie Hannover kein eigenes Casino.
Um uns die Fahrt nach Bad Wiessee, wo das nächstgelegene Casino zu finden ist, nicht zu lang werden zu lassen, fuhren wir fröhlicher Hoffnung auf einen großen Gewinn in Begleitung von zwei netten Kommilitoninnen an den Alpenrand.
Der Plan sah vor, innerhalb von ein, zwei Stunden einen mittleren Gewinn einzusacken, rechtzeitig vor der Pechsträhne, die bekanntlich immer einer Glückssträhne auf dem Fuße folgt Schluß zu machen, und das Ergebnis in einem nahegelegenen Edelrestaurant zu verfuttern.

Der Plan erschien allen Beteiligten optimal. In kluger Selbstbeschränkung wurde vor dem Spiel auf jegliche Nahrungsaufnahme verzichtet, um Platz für die erwarteten lukullischen Leckereien vorzuhalten.
Im Grunde verlief der Abend dann auch so wie geplant, mit der kleinen Abänderung allerdings, daß wir mit der Pechsträhne begannen, gegen 23 Uhr fast schon Pleite waren, uns dann mittels einiger Verzweiflungs- CARRES DER 17 gerade noch bis kurz vor Mitternacht vor dem völligen Ruin bewahren konnten bis wir feststellten, daß das Casino Punkt 24 Uhr die Pforten schliesst.
Die Damen, die beide noch nie ein Casino von innen gesehen hatten, waren uns zunächst nicht von der Seite gewichen, hatten sich so gegen halb elf an die Bar verkrümelt und standen mittlerweile mit recht hungrigem Gesichtsausdruck etwas verloren in der Gegend herum. Sie hatten sich den Abend dann wohl doch etwas anders vorgestellt.
Da sich unsere gemeinsame Barschaft inzwischen auf 16 DM Cash reduziert hatte, sahen wir die Einzige Möglichkeit, uns mit Anstand aus der Affäre zu ziehen, in einem satten PLEIN.
Ludwig hatte als Fachmann blitzartig kalkuliert, daß 16 DM auf eine Zahl gesetzt uns im Gewinnfalle mit DM 576.- aus dem Hause gehen lassen würde, was wohl auch in Bad Wiessee für mehr als 4x Pommes mit Majo gereicht hätte.
Wir setzten Alles auf die 32. Gebannt verfolgten wir den Lauf der kleinen Kugel , die der Croupier so lässig in den Kessel geworfen hatte. Ob der Mann wusste, wie wichtig dieses Spiel für uns war ? Wenn ja hat er diese Erkenntnis meisterhaft hinter einem geradezu gelangweilten Gesichtausdruck verborgen.
“ EINS SCHWARZ IMPAIR MANQUE“ sagte der Widerling nachdem die Kugel ihre Ruhestätte gefunden hatte. sackte unsere letzten Jetons ein und forderte uns auf, das Spiel zu machen.

Womit denn ?

Die Situation wurde den mitreisenden Damen in gebührender Kürze verdeutlicht, ihre Reaktion liess den Schluß zu, daß sie vermutlich nicht nur zum ersten sondern gleich auch zum letzten mal ein Casino betreten hatten. Der Abgang war wenig filmreif, wir schlichen bedrückt und vor allem SEHR hungrig die große breite Wendeltreppe hinunter in Richtung Garderobe. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so blank gewesen zu sein.

Ein eigenartiges Geräusch rechts neben der Garderobe erweckte das Interesse der Mädchen.Hinter einem kleinen Durchgang war das „KLEINE SPIEL“ , genauergesagt der Raum mit den einarmigen Banditen. Das wollten sie sich auch noch kurz ansehen.
Mein Einwand, das sei nun wirklich unter unserer Würde, uns nach dem Casinobesuch unter das Gemeine Volk zu mischen wurde nicht einmal erörtert.
Das erste, was Katja sah, als sie den Raum betrat, war ein kleiner, alter Mann, der mit einem zugegeben absolut blöden Gesichtausdruck ein Markstück nach dem anderen in so eine Maschine warf.

Frauen neigen zu überschiessenden Reaktionen. Katjas Reaktion bestätigte diese These. Sie brach stehenden Fußes in ein so entsetzlich lautes gackerndes Gelächter aus, daß ich um die Situation zu retten mir keine andere Hilfe wußte, als sie sofort in die hinterste Ecke des Raumes zu drängen, wo sonst niemand stand. Dort hat sie sich mit etwas geringerer Lautstärke dann auslachen können. Das Objekt ihres Amüsements hatte von allem nicht mitbekommen und warf weiter unermüdlich Kleingeld in den Automaten.

Was nun? Da wir schon einmal da waren, hätten wir ja auch spielen können wenn wir Geld gehabt hätten.

Um nicht nur dumm rumzustehen, begannen wir, unsere Taschen durchzuforsten. Bei mir war Ebbe. Ludwig fand noch irgendwo 50 Pfennig. Katja hatte noch zwanzig Pfennig fürs Klo zurückgelegt und Mirjam fand noch 30 Pfennig in den Krypten ihrer Handtasche.

Zusammen also eine Mark. Ich bot mich an, dieses Kleingeld an der Kasse gegen ein 1-DM Münze zu tauschen.
Selten hat mich ein Mensch mit einem so niederschmetternd verächtlichen Ausdruck angesehen, wie der Kassierer. Er war ja offensichtlich Einiges gewohnt von bankrotten Spielern, die hier unten mit dem letzten Geld versuchten, zu retten, was nicht zu retten war. Aber PFENNIGE annehmen ? In seiner Kasse gab es nicht einmal einen Platz für Groschen, das Hartgeld fing bei ihm erst mit dem Markstück an. Er weigerte sich, mein Kleingeld zu nehmen! Ich drohte mit dem Direktor der Spielbank, das half wenig, dann damit, meine Erlebnisse in der Süddeutschen Zeitung einem breiten Publikum zu berichten. Das half. Angewidert nahm er das Kleingeld und gab mit ein Markstück.

(Erfreulicherweise kam er nicht auf die Idee, meine Kontakte zur Zeitung infrage zu stellen).
Ich hatte das Geld getauscht, Katja warf es in den Schlitz, Ludwig gab das Kommando und Mirjam zog am Hebel. Mit einem knarrenden Geräusch setzten sich die Walzen in Bewegung, drehten sich eine kurze Weile und hielten dann mit einem PLOPP wieder an.
Ich erinnere mich, daß ich völlig unbeteiligt die Worte BAR – BAR – BAR auf den stillstehenden Walzen las und mich schon auf den Heimweg machen wollte, als mich der Apparat mit einem ächzenden Stöhnen auf sich aufmerksam machte.

Es regnete Bargeld. Der Apparat kotzte geradezu Markstücke in die Auffangschale, holte zwischendurch immer mal Luft und kotzte weiter. Minutenlang.

Im ganzen Saal herrschte inzwischen eine vollständige Stille. Alle Spieler hatten in seltener Einmütigkeit ihr Spiel unterbrochen und starrten uns an.

Noch einige Sekunden nachdem unser Spielautomat seine Diarrhoe beendet hatte, glotzten sie uns an, kamen dann offenbar alle gleichzeitig zur Besinnung und begannen noch schneller als zuvor, ihrerseits Markstücke in die Maschinen zu werfen.
Wir hatten nur noch ein einziges Problem: wie transportiert man eine Waggonladung Markstücke? Erfreulicherweise hatte das Haus vorgesorgt und hielt für diese Zwecke einige Weidengeflechtkörbchen bereit, die wir nun randvoll mit Bargeld schaufelten und dem Kassierer überreichten.

Mit demselben öden Gesichtsausdruck, mit dem er zuvor meine Pfennigsammlung entgegengenommen hatte, fischte der Typ EIN Markstück aus unserem Vorrat, legte es in seine Kasse und gab mir meine Pfennige zurück.
Erst dann kippte er unseren unverhofften Reichtum in eine Art Saftpresse, die blitzartig das Hartgeld verschlang und dann die für uns damals unvorstellbare Summe DM 999.- anzeigte. Das war unser Gewinn, der uns auch sofort und in großen Scheinen ausgezahlt wurde.
Die Rückfahrt nach München war ausserordentlich fröhlich. Gab es da nicht diesen Italiener auf der Leopoldstrasse, der die ganze Nacht geöffnet hat? Wir erreichten das gastliche Haus so gegen 2 Uhr früh, alle Tische waren besetzt.

Italienischen Kellnern kann man nachsagen, was man will, aber Gespür dafür, wo was zu holen ist, haben sie. Ich bat den Erstbesten nur, zwei Flaschen vom teuersten Rotwein des Hauses auf den nächsten freien Tisch für uns zu stellen, schon war wie von Geisterhand einer für uns frei.
Wir haben uns wirklich Mühe gegeben, aber als wir so gegen 6 Uhr sehr fröhlich das Lokal verliessen, hatten wir unser letzes Ziel nicht ganz erreicht. Eigentlich wollten wir den ganzen Gewinn verprassen.

Es waren aber noch ein Paar Mark über.

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